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Fiktion – Planung - Umsetzung

Ich liege im Alkoven unserer Terra Love, schlage die Augen auf und blicke durch das verschneite Fenster auf ein paar blattlose Äste, die sich in einen grauen Winterhimmel erstrecken. Das leise Brummen des Kühlschranks vereint sich mit dem Surren der Heizung. Durch die dicken Wände der Kabine dringt ab und an das gedämpfte Geräusch von Autoreifen, die ihre Spur durch tauenden Schnee ziehen. Gestern Abend haben wir im letzten Tageslicht an einer wenig befahrenen Landstraße in Frankreich einen Rastplatz gefunden, auf dem ich unsere Terra Love 2 steuerte, um dort die Nacht zu verbringen. Ich blicke zur Seite und sehe Tanja die noch friedlich schläft. „Was uns wohl auf dieser Reise erwartet?“, geht es mir durch den Kopf. Endlich sind wir wieder unterwegs, ein Gefühl, das mit Worten kaum zu beschreiben ist, vor allem, nachdem wir die letzten 9 Monate unendlich viel gearbeitet haben, um den erneuten Absprung von der Heimat zu schaffen. Irgendwie habe ich das Gefühl, das es immer schwerer wird, sich von Deutschland zu lösen, als wolle uns das Land mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln halten. „Was für ein dummer Gedanke. Vergesse nicht das da urplötzlich eine weltweite Pandemie um die Ecke kam und dass in Europa ein undenkbar verbrecherischer Krieg wütet“, antwortet eine andere Abteilung meines Gehirns.

Dong! Klatscht ein kleiner Schneeball von einem Ast auf das Dach unserer Terra Love. Das unerwartete Geräusch lässt meine Gedanken wieder zurück in die Heimat springen. Ich sehe mich in meinem Büro sitzen, eine der zahlreichen E-Mails beantworten, Rechnungen schreiben, YouTube und Facebook-Kommentare beantworten, nach der optimalen Kameraausrüstung Googlen und tausend andere Sachen, die mich zeitweise absolut überforderten. In meinem Büro sah es so aus als wäre eine Horde Vandalen durchgezogen. Überall lag und stand Ausrüstung herum, meistens Technik wie Kameras, Laptops, unzählige verschiedene Kabel, Objektive, Ordner, ToDo-Listen, offene Rechnungen, Briefe von der Gemeinde, der Steuer, dem Steuerberater und so viel mehr, dass an dieser Stelle mein Erinnerungsvermögen schwer überlastet ist, um mir das Ausmaß des Details vollends ins Gedächtnis zu rufen. Neben all dem Wahnsinn hatte ich auch noch Schwierigkeiten mit der Technik denn wir hatten uns entschieden von Windows auf Apple umzusteigen. Ein Umstieg, der seit Jahren geplant war, jedoch der Zeitpunkt nie gepasst hatte. Natürlich auch diesmal nicht. Jetzt oder nie, überlegten wir und zogen es durch. Wie hatten wir uns das nur vorgestellt? Die Konsequenzen waren ein plötzlicher Blindflug in der digitalen Welt und er völlige Verlust unseres Workflows. „Wie sollen wir das jemals bewältigen?“, sannen wir bald jeden Tag verzweifelt. Zu all den alltäglichen Herausforderungen überraschten uns zwei Todesfälle in der Familie. Neben der Traurigkeit, die uns befiel, waren wir gezwungen ein Haus leerzuräumen. Eine Mamut-Aufgabe die seines Gleichen suchte.

Dong! Klatscht wieder ein Häufchen Schnee auf das Dach der Terra und lässt meine Gedanken zu einem anderen Kapitel der Reisevorbereitung springen. Unsere Terra Love musste für die Tour modifiziert werden. Wobei, wenn ich ehrlich bin, war Vieles was ich mir diesbezüglich in den Kopf gesetzt hatte, nicht zwingend notwendig. Aber wenn der Perfektionismus das Zepter übernimmt? Wie auch immer, heute bin ich froh darüber diesen Aufwand betrieben zu haben. So ließ ich einen Schnorchel, einen Rammschutz, eine Todwinkelkamera, ein neues Verteilergetriebe, bessere Stoßdämpfer, viel bessere LED-Scheinwerfer, einen Todmannschalter und so Einiges mehr einbauen. Iveco Bayern führte einen umfassenden Kundendienst, Gesamtcheck und Spurvermessung durch. Eine Woche vor unserer geplanten Abreise düste ich noch nach Hamburg, um eine Pandora-Alarmanlage einbauen zu lassen. So arbeiteten wir von früh bis Nacht bis zur Erschöpfung und spornten uns immer wieder gegenseitig an. „Wir schaffen das!“, war und ist Tanjas Mantra.

Ein paar Tage vor dem finalen Aufbruch übergaben wir unserem Freund Achim unser Haus, denn er wird während unserer auf mehrere Jahre geplanten Abwesenheit, dort einziehen. Am Ende verabschiedeten wir uns von unseren Freunden, besprachen mit unserem lieben Nachbarn Tom ob er den Schneeräumdienst übernimmt und räumten die restliche Ausrüstung in unser mobiles Heim.

Dong! Klatscht es wieder Schnee aufs Dach der Terra. Als wäre das alles ein nicht gerade angenehmer Traum gewesen ist jener Spuk vorbei. Wir haben es geschafft die sich immer wieder von Neuem aufbauende Hürde zu überwinden und sind wieder unterwegs. Es wird noch ein paar Tage oder vielleicht Wochen dauern die Freiheit im Kopf zu erlangen. Jenen Moment in dem wir die Tür zur anderen Welt durchschreiten. Genau die andere Seite des Seins, des Lebens ist für uns das Elixier, der Balsam für die Seele, der Jungbrunnen und die Welt des Wissens. Es ist die Welt in dem die Gedanken fließen können, in der die Kreativität ins Grenzenlose wächst, in der unsere Berufung steckt als Botschafter von Mutter Erde die unterschiedlichen Kulturen, die es auf Erden noch gibt, die verschiedenen Bräuche, Konventionen, Rituale, die traumhaften Landschaften, Klimazonen und Tiere, die dort zuhause sind, in Text, Bild und Film zu dokumentieren.

Datum:
04.12.2022

Tag: 001

Land:
Deutschland

Ort:
Rosenfeld

Tageskilometer:
311 km

Gesamtkilometer:
311 km

Fahrzeit:
04:15 Std.

Temperatur Tag max:

Temperatur Nacht:

Aufbruch:
17:45 Uhr

Ankunftszeit:
22:00 Uhr

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