Venezuela 1988

Im Schatten der Dämmerung

(Erstkontakt zu den Yanomami-Indianern)

„Aaauuu, aaauuu!“, klingt es von allen Seiten. Sekunden später sind wir umstellt von den Kriegern des Dorfes, die wild mit Macheten und Äxten vor unseren Köpfen umherfuchteln. „Aaauuu, aaauuu!“, brüllen sie unaufhörlich und tanzen ekstatisch um uns herum. Immer noch stehen wir wie versteinert da und geben uns Mühe, keine Angst zu zeigen. Wir würden sonst vor den stolzen Kriegern unser Gesicht verlieren.

Nach einiger Zeit winken uns ein paar Yanomami unter das Dach des Schabonos des Indianerdorfes und weisen uns einen Platz für unsere Hängematten zu. Somit sind wir als Gäste akzeptiert. Wir werden bewirtet mit dem Fleisch des wilden Truthahns und Bananensuppe. Anerkennend schmatzen wir. Fast das ganze Dorf versammelt sich in der Zwischenzeit um uns. Reden werden gehalten, die wir nicht verstehen können. Die Indianer setzen sich zum Teil dicht zu uns und berühren uns mit ihren Körpern und Händen. Ständig werden wir umarmt. Körperkontakt ist für sie selbstverständlich. Für mich ist es ein überwältigendes Erlebnis, ja fast berauschend, von einem kriegerischen, oft als blutrünstig bezeichneten Stamm so liebevoll aufgenommen zu werden. Hier in diesem Dorf haben wir nach einem 200 Kilometer langen, strapaziösen Fußmarsch durch den Regenwald Venezuelas unser Ziel gefunden. Endlich können wir uns von den Strapazen erholen und mit Menschen leben, die bisher wohl noch keinen Kontakt zum weißen Mann hatten.

Wir wollen das Leben dieses Stammes dokumentieren, um in unserer westlichen Welt auf ihren Untergang aufmerksam zu machen. Seit der Eroberung Brasiliens sind nach Schätzungen 6,8 Millionen (Zahlen von 1987) Indianer getötet worden. Knapp 200.000 (Zahlen von 1987) sollen noch übrig sein. Kann dieses Volk, die Zeugen der Wurzel der Menschheit, vor diesem Schicksal bewahrt werden?

Im Schatten der Dämmerung flackern die ersten Lagerfeuer auf. Die Indianer liegen alle in ihren Hängematten. Nur noch die Kinder lärmen. Sie schnattern fröhlich und die Knaben spielen die Spiele der Erwachsenen: Krieg. Ein Kind weint gotterbärmlich. Die Mutter pult mit einem spitzen Stöckchen die Sandflöhe unter den Zehennägel heraus. Wir räkeln uns in den Hängematten und sind noch immer gefangen von den Ereignissen der letzten Tage. Hinter uns liegt ein Jahr der Vorbereitung. Wir wollen zu den Yanomami-Indianern, mit ihnen leben, uns selbst ein Bild machen, wie bedroht und verwundbar sie sind. Wir wollen feststellen, welch enger Zusammenhang zwischen dem Regenwald und seinen Bewohnern besteht. Viele sprechen von der Vernichtung der Tropenwälder, von der Ausrottung der dort lebenden Menschen, vom Sterben tausender Tier und Pflanzenarten, von denen die Hälfte nicht einmal bekannt, geschweige denn erforscht ist. Bei allem Lamento über die drohende Klimakatastrophe: Die Industrieländer hören nicht auf, Möbel, Frühstücksbrettchen, Fensterrahmen und Eisenbahnschwellen aus tropischen Hölzern zu importieren. Das Vernichten von Waldflächen – pro Jahr die Größe von Westdeutschland – geht weiter. Nicht nur Holzeinschlag, die Viehfarmen, die Orangenplantagen, die Suche nach Gold, Diamanten und anderen Bodenschätzen, zerstören den Wald, es sind auch Stauseen, manche so groß wie das Saarland. Menschen und Tiere flüchten, wenn sie können, oder ertrinken, und die ungeheure Biomasse beginnt zu faulen. Der Lebensraum der Yanomami wird immer mehr eingegrenzt, ihre kulturelle Überprägung und Ausrottung wird fortgesetzt. Ihr Schicksal steht symbolisch für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes. „Stirbt das Volk, stirbt auch der Regenwald. Es gibt keine ökologischen Grenzen und schon deswegen betrifft dieses Thema jeden von uns!“

Wenn es die Zeit zulässt, werde ich in der Rubrik “Tagebücher Venezuela Yanomami” einen Bericht über unseren Erstkontakt zu den Yanomami veröffentlichen.

 


Venezuela 1988

Expedition ins Orinoco Quellgebiet zu den Yanomami Indianern
Um die Bedrohung der Yanomami-Indianer zu dokumentieren marschierte Denis Katzer 300 Kilometer zu Fuß durch den größten zusammenhängenden Urwald unserer Erde und besuchte ein Indianerdorf in dem vorher noch nie ein Weißer war.