Türkei 1991, 1992

Er japst aus dem letzten Loch

(Auszug aus dem Tagebuch)

Die zwei Ostdeutschen Jens und Carsten haben sich entschlossen, uns in ihrem Wartburg nach Ankara mitzunehmen. Tanja und ich sind erleichtert, unsere 80 kg schweren Rucksäcke auf der Strecke von Griechenland in die Türkei nicht auf Bussen und Zügen verladen zu müssen und freuen uns auf eine komfortable Reise.

Nachdem der Wartburg bis zum Dach vollgestopft ist, knattert und schnauft das arme Gefährt in Richtung Türkei. Leider lässt sich die Heizung nicht abstellen und trotz offener Fenster haben wir das Gefühl in einer völlig überfüllten Sauna zu sitzen. Aus den Lautsprechen dröhnt ohrenbetäubender Hardrock, so dass für uns die Fahrt schon nach wenigen Kilometern zum Albtraum wird.

Nach endlos vielen Stunden blicken wir alle Vier gerädert und übermüdet auf die dunkle Straße vor uns. Den vielen Schlaglöchern und hohen Bodenwellen auszuweichen ist fast unmöglich. Wie reifes Fallobst werden wir in dem engen Fahrgastraum durcheinander geschüttelt. Die sich gegenseitig überholenden Lastwägen zwingen uns an den rechten Straßenrand. Sie kommen mir wie Todeskommandos vor. Wollen wir an einem Berg so einen stinkenden, bald stehenden, schwach oder nur einseitig beleuchteten Koloss überholen, müssen wir damit rechnen, von zwei uns entgegenkommenden, nebeneinander fahrenden Lastzügen zermalmt zu werden. Beim Blick aus dem verschmierten Fenster sehe ich immer wieder total zerfetzte Lastwagen am Straßenrand liegen. Für sie hat die Raserei ein abruptes Ende genommen.

„Scheiße!“, flucht Jens lautstark, als 200 km vor Ankara plötzlich wieder gelbbraunes Kühlwasser über die Frontscheibe spritzt. Entsetzt sehen wir auf die Temperaturanzeige, die auf Anschlag steht. Es kann sich nur noch um Augenblicke handeln, bis uns der altersschwache, gequälte Motor um die Ohren fliegt. Jens fährt sofort an den Straßenrand. Das Kühlwasser ist völlig verkocht, das Lüfterrad hat einen erschreckend großen Riss und ist kurz davor, seinen Geist auszuhauchen. Glücklicherweise befindet sich nur 30 Meter weiter eine Kneipe für müde Lastwagenfahrer.

Der freundliche Wirt teilt den am Haken hängenden Hammel in zwei Hälften und schneidet für jeden von uns ein großes Stück ab. Es sieht äußerst unappetitlich aus, schmeckt aber hervorragend. Nachdem wir uns gestärkt haben, untersuchen wir unseren Patienten. Die netten Türken helfen uns, geben uns Werkzeug und ein Stückchen Draht, um die zwei Lüfterradhälften zu vereinen.

Es ist Mitternacht, als der Wartburg auf dem letzten Loch einen Pass hochjapst. Wir beobachten gespannt und nervös die Temperaturanzeige. Gott sei Dank hält unser bandagiertes Lüfterrad durch.

Als wir früh morgens einen Zeltplatz am Stadtrand von Ankara erreichen, sind wir froh, dieses unerfreuliche Abenteuer heil überstanden zu haben…

 


Türkei 1991/1992

Orient und Okzident, die Nahtstelle zwischen Europa und Asien am Bosporus. Zeugnisse der Antike, einzigartige Naturphänomene und die nahezu unglaubliche Gastfreundschaft machten die Türkei für Tanja und Denis Katzer zu einem ihrer Lieblingsländer.