Himalaya 1993, 1995

Abkömmlinge von Fabelwesen

(Auszug aus dem Tagebuch)

Am späten Nachmittag, als die Sonne schon lange hinter den knapp 8.000 Meter hohen Bergen untergegangen ist, schlendern Tanja und ich durch das bezaubernde Bergdorf Karimabad. Es ist eine Wohltat, sich unter diesen äußerst freundlichen Menschen zu bewegen. Die Mentalität der Leute hier oben im Hunzatal sind völlig anders als im restlichen Pakistan. Einige der adligen Führer von Hunza behaupten sogar, Abkömmlinge von Fabelwesen zu sein. Hingegen rühmen sich viel Normalsterbliche in Nordpakistan, direkt von Alexander dem Großen, oder Iskander, wie sie ihn nennen, abzustammen, der einst über den Hindukush nach Vorderindien gezogen ist. Die klaren blauen Augen und die helle Hautfarbe vieler Einwohner mag die Theorie bestätigen, dass einige Soldaten aus Alexanders Heer tatsächlich hier geblieben sind. Doch gibt es im Norden die unterschiedlichsten Volksgruppen und Sprachen, so dass mir diese Theorie doch sehr gewagt erscheint.

Künstler im Kanalbau

Das winzige Bergdorf wirkt auf uns wie ein Paradies. Seit Wochen befinden wir uns schon hier und schreiben das Buch über unsere Pakistanexpedition. Einige der Bewohner kennen uns mittlerweile und winken uns lachend zu. Kleine Weizenfelder grenzen an den verschlungenen Pfad. Mühsam haben die Bauern schmale Terassen angelegt, die sie bewirtschaften. Das frische Grün der Felder zieht sich bis zu den Steilwänden der Sechs- und Siebentausender hinauf. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem bringt das lebensnotwendige Nass bis in die entlegensten Winkel eines jeden Feldes. Im Laufe von Jahrhunderten haben sich die Hunzas zu genialen Kanal- und Terassenbauern entwickelt. Jedes nur denkbare Fleckchen Erde, auch wenn es noch so klein ist, wird von ihnen andwirtschaftlich genutzt.

Die fruchtbaren, grünen Felder zeigen einen harten Kontrast zum gigantischen Gebirge. Mir wird jetzt klar, welch eine Meisterleistung dieses Bergvolk mit seinen Bewässerungssystemen vollbringt. Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die Hunzas einen Bewässerungskanal gebaut haben, der ihnen ständiges Frischwasser garantiert. Durch Steinschlag gab es beim Bau des Kanals mehr als zehn Tote, trotzdem ließen sich die Bergbauern nicht von ihrem Vorhaben abbringen und vollendeten den lebenswichtigen Kanal. Sein Gefälle ist manchmal kaum sichtbar, so dass man fast nicht sehen kann, in welche Richtung das Wasser überhaupt fließt. An den beinahe senkrechten Felswänden des Nullahs schmiegt sich dieser mit bewundernswerter architektonischer Leistung gebaute Kanal entlang. Er leitet das Schmelzwasser des Ultargletschers ins Tal. Es fließt an beängstigenden Abhängen vorbei, Tunnel verkürzen nicht selten den Weg. Ja, sogar simple Holzrinnen müssen an manchen Stellen herhalten, um das Wasser umzuleiten. Immer wieder hat man Auffangbecken angelegt, um das Wasser regulieren zu können. Je nach Witterungsverhältnissen und Jahreszeit fließt mal mehr oder weniger Wasser. Die Auffangbecken garantieren einen konstanten Wasserstand, so dass die Dörfer nicht überflutet werden können.

Wie die meisten Bäche, Kanäle und Schmelzwässer fließt unten im Tal alles in den wilden Indus, dessen Wassermassen zunehmend mächtiger werden. Heute überspannen ihn moderne, in chinesischem Stil erbaute Brücken. Noch bevor der Karakorum-Highway gebaut worden ist, haben diese Brücken ganz anders ausgesehen. Aus Birkenzweigen gedrehte Taue überspannten die reißenden Fluten, an denen man sich über das Wasser hinweg hangelte. Drei Taue waren über das reißende Wasser gepannt. Auf dem unteren musste man wie ein Seiltänzer balancieren, während man sich an zwei Führungsseilen links und rechts festhielt.

Hundertjährige sind hier keine Seltenheit

Das Dorf Karimabad schmiegt sich an den 7.399 Meter hohen, bis heute noch unbestiegenen Ultar. Drohend und mächtig stoßen seine zwei schneebedeckten Hauptgipfel bei gutem Wetter durch die Wolkenwand, während auf der gegenüberliegenden Seite des Tales der Pakaposhi mit seinen 7.780 Metern majestätisch und erhaben das Tal begrenzt. Hier in Karimabad ist fruchtbares Land so knapp, dass für Vieh kaum Platz ist. Oft leben Ziegen, Schafe und Rinder mit in den Häusern der Menschen. Auf dem wenigen Boden, den die Bauern bewirtschaften, sähen sie Weizen und Mais, oder pflanzen Obstgärten. Berühmt sind sie für ihre köstlichen Aprikosen. Auch wird bis heute, trotz des Alkoholverbots, Wein angebaut, der in manchen Kellern zu Hunzawasser (Most) heranreift. Für den harten Winter werden Früchte getrocknet, auch die Aprikosenkerne werden gemahlen und an das Vieh verfüttert. Aus dem Kerninneren wird Öl zum Heizen und zum Schutz der Haut gewonnen. Im Frühjahr gibt es in den Geschäften kaum noch etwas zu kaufen. Besonders vor der Fertigstellung des Karakorum-Highways war die Kindersterblichkeit zu dieser Zeit sehr hoch.

Wegen ihrer gesunden Ernährung, der reinen Luft, den vitaminreichen Aprikosen, dem Gletscherwasser mit seinem hohen Gehalt an Mineralien und der ewigen Ruhe hatten die Hunzas den Ruf, sehr alt zu werden. Hundertjährige waren hier keine Seltenheit. Aber seit Coca Cola und Hamburger hierher vorgedrungen sind, hat sich das geändert…

 


Himalaya 1993/1995

Auf dem Landweg nach China überquerten Tanja und Denis Katzer den Karakorum Highway. Die beeindruckenden, schroffen Gebirgsketten des Hindukusch, des Karakorum und des Himalaya umfassen über 120 Gipfel mit einer durchschnittlichen Höhe von 6550 Meter.