Gedanken zu Corona und Isolation

Wegen der Corona-Krise haben Tanja und ich bereits seit dem 11.03.2020 alle Treffen, waren sie geschäftlich oder privat, abgesagt und uns in unser Heim zurückgezogen. Seither leben wir, wie mittlerweile viele Menschen, in Isolation. Für die Meisten von uns muss es sich anfühlen als wäre ein rasender Zug, in dem man gerade noch gesessen ist, ohne jegliches Bremsmanöver gegen die Wand geknallt. Ein schreckliches Gefühl, da viele gar nicht wissen was sie plötzlich mit all der Zeit anfangen sollen. Zeit im Überfluss, Zeit, in der man zu sich kommt, ob man will oder nicht. So mancher Erdenbürger hat damit ein großes Problem, denn plötzlich wird der Geist nicht mehr abgelenkt. Das Innere kehrt sich nach außen. Der eine oder andere wird überrascht sein was da zum Vorschein kommt. Gutes aber auch erschreckendes. Plötzlich haben wir Menschen die Chance uns selbst ein bisschen besser kennenzulernen. Man kann sich darüber beklagen oder die einmalige Chance beim Schopf packen, um das Beste daraus zu machen. Jesus ist für 40 Tage in die Wüste gegangen, um zu meditieren. Laut Überlieferung erschienen ihm dort Satan und die Engel oder anders ausgedrückt das Böse und das Gute. Einsamkeit und Isolation kann die Hölle bedeuten trägt aber gleichzeitig etwas enorm Positives in sich, etwas Reinigendes, Kräftigendes und erneuerndes.

Als wir in den Jahre 1999 bis 2003 mit unseren Kamelen 7.000 Kilometer von Süd nach Nord und von der Westküste bis zur Ostküste Australiens gelaufen sind, waren wir von der Außenwelt abgeschnitten. Wir hatten uns selbst isoliert und wurden ein Teil der Natur, ein Teil der Wüste und ein Teil von Mutter Erde. Unser Leben hatte sich verändert. Am Anfang war es befremdlich, denn es gab keinen Fernseher, keine Zeitung, kein Internet, einfach nichts außer Wüste. Es dauerte nicht lange bis wir begriffen welch enormer Schatz und Tiefe in der Ruhe liegt. Wir begriffen wie wunderbar die Einfachheit sein kann und wollten am Ende der Expedition diesen Lebensstiel nicht mehr aufgeben.

Zurück in Deutschland kam es mir so vor als würde die gesamte Gesellschaft in einem Schnellzug sitzen. Wir, die aus der Wüste kamen, hatten keine Chance in diesen dahinrasenden Zug einzusteigen. Nur der Versuch hätte uns zerrissen. Es dauerte ein Jahr bis Tanja und ich wieder ein Teil des rasenden, hektischen, unübersichtlichen, nervösen und verwirrenden Lebens waren. Nahezu jeden, den wir trafen, sehnte sich nach Entschleunigung, Besinnung, Muße, Entspannung und innerer Ruhe, doch das Hetzen ging weiter, wurde immer schneller bis die Industriegesellschaften dieser Erde nicht bemerkten direkt ins Auge des Zyklons gerast zu sein. Dort, im Auge des Zyklons, wuchs die Sehnsucht nach Entschleunigung so enorm, das Yoga groß in Mode kam. Die Menschen gaben viel Geld aus, um ihr Work-Life-Balance zu verbessern. Und jetzt haben wir Corona. Das ist zwar eine furchtbare Seuche aber auch eine echte Chance zu sich selbst zu kommen, sich zu besinnen, herunterzuschalten, nachzudenken, Ideen zu kreieren, Zeit mit seinen Kindern und dem Partner zu verbringen und unendlich viel mehr.

Tanja und ich sind uns sicher, dass in dieser Krise auch etwas außergewöhnlich Positives steckt. Also bleibt zuhause, genießt die Ruhe, schöpft neue Kräfte, denn alles geht zu Ende, auch die Krise. Danach werden wir mit neuem Elan, mit Begeisterung und Schwung das wiederaufbauen, was wir durch unser Fehlverhalten kaputt gemacht haben. Bestimmt wird die Welt nach der Krise nicht mehr die gleiche sein. Doch wollen wir wirklich in die alte hektische und kranke Welt, in der alle drei Monate ein neues Smartphone auf den Markt gespuckt wurde, zurück? War das Leben in dieser Welt noch lebenswert?
Tanja und ich sind uns sicher, dass das Corona-Virus einer der bisher größten Lehrmeister in der Geschichte der Menschheit ist. Vielleicht sogar der Retter der Menschheit? Ein lebensnahes Wesen das uns rechtzeitig zu einer Richtungsveränderung zwingt? De facto hat Corona es geschafft innerhalb weniger Tage den weltweiten Co2-Ausstoß gewaltig zu reduzieren, tödliche Smogwolken über Industriegebieten wegzuzaubern oder in Venedigs Kanälen das Wasser kristallklar zu machen.

Wir sind uns sicher, dass Corona uns daran erinnert wie wichtig es ist unsere Mutter Erde und seine Bewohner zu schützen, damit die Kinder der Menschheit auch morgen noch Bäume sehen und Vögel zwitschern hören…