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Wegen Visumüberzug im Hochsicherheitsgefängnis gelandet - Ajacis Impfpass

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“Du wirst nicht glauben was ich heute wieder erlebt habe“, sagt Tanja, als sie nach einem erneut langen Tag abends ins Zimmer kommt. „Bin gespannt“, antworte ich, klappe meinen Laptop zu und lausche. „Bevor ich mir heute Morgen eine Rikscha genommen habe bin ich erstmal am Tonle Sap entlanggelaufen. Die haben dort eine wunderschöne Promenade gebaut, auf der schon kurz nach Sonnenaufgang viel los ist. Morgen musst du dich mal von deinem Laptop losreißen und unbedingt mitkommen. Da wird gejoggt, gewalkt, Federball, und Fußfederball gespielt. Daneben gibt es ganze Menschengruppen die zu lauter Musik tanzen. Ich sag dir, da ist echt was los und das ganze Treiben ist toll anzusehen. Zwischen all den Aktivitäten sitzen Menschen auf niedrigen Plastikhockern und essen. Andere Verkaufen Blumen für den frühen Tempel- oder Königspalastbesucher, während viele der kleinen Verkaufsstände aufgebaut werden. Manche Besitzer der einfachen Verkaufsstände schlafen direkt neben ihren Stand oder unter den Holztischen. Unter einem der primitiven Tische lagen nagelneue rote Stöckelschuhe. Könnte sein, dass die Tochter tagsüber am Stand aushilft und nachts auf den Strich geht. Stell dir vor, die haben kein Haus und keine Wohnung. Ihr Zuhause ist der Verkaufsstand. Wenn die Menschen auf die Toilette müssen, gehen sie in den nahen Park.“ „Ja, es gibt viele arme Menschen in diesem Land. Denjenigen, die einen Verkaufsstand in der Innenstadt am Tonle Sap besitzen, geht es im Verhältnis noch sehr gut. Wenn ich mir da unser Penthousewohnung ansehe gehören wir zu den Superreichen auf diesen Planeten“, sage ich nachdenklich. „Ja, das stimmt. Die Welt ist nicht gerecht. Muss dabei an den Holländer denken der mich heute Morgen auf der Promenade wegen Ajaci angesprochen hat.“ „Einen Holländer?“ „Ja, war so ungefähr in deinem Alter. Er ist auf Ajaci richtig abgefahren und wollte wissen ob ich ihn in Kambodscha gekauft habe und hier lebe. Ich berichtete ihm kurz von unserer Reise, worauf er mir wiederum sein haarsträubende Geschichte erzählte.“ „Na da bin ich gespannt“, unterbreche ich neugierig geworden. „Er lebt seit vielen Jahren in Thailand, betreibt dort eine Bar und ist mit einer Thai verheiratet. Vor ein paar Monaten hatte er eine Herzoperation. Weil seine Aufenthaltserlaubnis abgelaufen war, wurde die Polizei verständigt. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, holten ihn acht Polizisten von Zuhause ab.“ „Acht gleich? Wow, das ist doch eher ein Aufgebot um einen Schwerverbrecher festzunehmen“, werfe ich ein. „Ja, das hat er auch gesagt. Das Schlimme aber war, dass sie ihn sofort ins Hochsicherheitsgefängnis warfen, dass bei den Thais als Bangkwang bekannt ist und die Westler Bangkok Hilton nennen. Wer dort landet hat ganz schlechte Karten wieder heile raus zu kommen. Die Thais vergleichen das Gefängnis auch mit einem gefräßigen Tiger, der die Menschen bei lebendigem Leib frisst.“ ‚Man hat mich in einen Raum ohne Betten und Möbel geworfen, in dem 100 Gefangene hausten. Frauen und Männer zusammen’, erzählte er. ‚Ich sage dir, das war ein echter Albtraum. Der schlimmste in meinem bisherigen Leben. Das Gefängnis ist völlig überfüllt. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Insassen verdreifacht, weil die Regierung mittlerweile gegen den Drogenhandel vorgeht. Du musst dir das mal vorstellen. Soweit ich gehört habe sind dort über 7.000 Häftlinge eingepfercht, obwohl es nicht mal für die Hälfte dieser Zahl Platzt gibt. Ich lag da auf dem Boden neben Massenmördern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern, und das nur, weil ich mein Visum überzogen habe. Normalerweise war das nie ein Problem. Bisher konnte man Visumüberzug mit einer relativ geringen Strafgebühr regeln. Wegen meiner Herzkrankheit habe ich einfach verpasst mein Visum zu verlängern. Ich hatte weiß Gott andere Probleme. Seit dem Jahr 2016 haben sich die Bestimmungen aber geändert. Da ich in Thailand lebe, bekam ich davon nichts mit und auf einmal war ich Gefangener in der Hölle auf Erden.

Die ersten zwei Wochen durfte ich nicht mal telefonieren. Verstehst du was das bedeutet? Ich bin daran psychisch fast zerbrochen. Wusste nicht ob auch ich ein Opfer des gefräßigen Tigers werden würde. Neben mir lag ein Europäer. Er war schon 82 Jahre alt und bereits seit acht Monaten im Bangkwang. Weil er keine Verwandten mehr hatte, die hatten bereits alle das Zeitliche gesegnet, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit dort sterben. Irgendjemand muss dir helfen, auch wenn du nicht viel verbrochen hast. Ohne Unterstützung von außen kannst du dir nichts zu Essen kaufen und wirst da drin einfach verhungern.

Seit einigen Jahren sind die Strafen für Drogendelikte extrem. Man bekommt mindestens 25 Jahren, viele lebenslang, viele werden hingerichtet. Nachdem die Militärregierung an die Macht kam, übertragen sie die Hinrichtungen live im Fernsehen. Das soll abschreckend wirken. Hunderte werden wegen Drogendelikten hingerichtet. Keiner, der dort drin ist, bekommt eine zweite Chance. Ich hatte von einem jungen Engländer gehört, der mit ein paar hundert Extasytabletten am Flughafen erwischt wurde. Er bekam 99 Jahre. Eigentlich wollte er mit dem Deal nur seinen Urlaub finanzieren, und wenn ihn die britische Regierung dort nicht rausholt, wird er furchtbar eingehen. Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich die Regierung sogar. Das Drogenproblem in Thailand ist ausgeufert und absolut extrem. Es zerstört die Familien und wenn die Behörden nicht aufpassen wird es für das Land gefährlich. Aber es bringt sicherlich nichts die kleinen Dealer hinzurichten. Die gibt es wie Ameisen. Das Problem liegt woanders. Es liegt unter anderem an der gnadenlosen Korruption bis in die höchsten Stellen. Drogenbarone bekommt man nicht zu fassen oder man will sie gar nicht zu fassen bekommen. Das Geschäft mit den Drogen aus Thailand, Myanmar, Kambodscha und Laos ist ein Multimillionen-Dollar-Business. Da stecken andere Leute dahinter als ein 20 jähriger Engländer oder der gewöhnliche Thai. Die Bestrafungen sind vergleichbar mit dem Mittelalter oder schlimmer. Das was dort abgeht ist eine Schande für Thailand, ein Angriff auf die Menschlichkeit, ein Verstoß gegen die Menschenrechte mit dem man gegen das Drogenproblem niemals gewinnen wird. Und warum sie mich wegen einem lächerlichen Visumüberzug in ein absolut überfülltes Hochsicherheitsgefängnis warfen, wollte sich mir nicht erklären. Ob mich vielleicht wegen Drogen jemand angezeigt hatte?, ging es mir durch den Kopf. Das wäre zwar absurd gewesen, aber in Thailand ist alles möglich.

15 Stunden am Tag musste ich in der Massenzelle verbringen. Wenn ich auf die Toilette musste, von denen es für 100 Gefangene nur vier gab, war ich gezwungen über all die Leiber zu steigen. Klar, dass ich dabei immer wieder Menschen berührte. Einige von ihnen wurden deswegen aggressiv und drohten mir Prügel oder sogar den Tod an. Auch die Gefängniswärter sind hart. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie einer von denen einer schwangeren Frau den Elektroschocker in den Bauch gerammt hat. Das miese Grinsen des Wärters werde ich nie mehr vergessen.

Der harte Boden, auf dem ich schlafen musste, löste bei mir heftige Rückenschmerzen aus. Teilweise konnte ich mich wegen den Schmerzen nur in gebückter Haltung und langsam bewegen. Das war einem Wärter wohl zu langsam, weswegen er mit seinem Stock auf mich einschlug. Das kostete mich einen Zahn. Hier siehst du die Lücke? Ein Souvenir aus dem Knast von Bangkok. Zum Glück habe ich mich dort drin nicht mit einer schlimmen Krankheit angesteckt. Den Zahn kann ich noch verkraften, aber Tuberkulose? Überall husteten die Leute. Wenn einer richtig krank wird, werden es alle. Wegen der fehlenden Hygiene ist zum Beispiel Tuberkulose keine Seltenheit. Ins Krankenhaus wird keiner der Häftlinge geschickt, und weil sie keine richtige Pflege bekommen, sterben viele von ihnen langsam und qualvoll.

Licht wird übrigens nicht mal in der Nacht ausgeschaltet. Du bist dort drin unter einer unaufhörlichen Folter. Die meisten Insassen haben einen Hau weg, was mich bei den furchtbaren Bedingungen nicht wundert, und ohne Geld sieht man besonders alt aus. Wenn man keines hat ist man der Sklave der anderen Gefangenen oder der Wärter. Jeder Häftling besitzt ein Bangkonto im Bangkwang. Davon kann man sich in den Gefängnisshops Essen und Toilettenartikel kaufen. Mit 30 bis 40 Euro im Monat gehört man zu den Reichen. Zum Glück konnte ich nach zwei Wochen meine Frau erreichen und nach ein paar Monaten war ich wieder draußen. Ich musste das Land sofort verlassen und darf wegen dem Visumüberzug die kommenden 10 Jahre nicht mehr einreisen. Meine Liebe und gesamte Existenz ist in diesem Land. In wenigen Wochen wird mich meine Frau in Kambodscha besuchen. Sie müsste auswandern, um mit mir weiter zusammenleben zu können. Das will sie aber nicht, weil ihre zwei Söhne aus ihrer vorherigen Ehe dort leben. Das verstehe ich, aber du kannst dir sicherlich vorstellen wie verzweifelt ich bin’, erzählte er. „Ein unglaublich traurige Geschichte. Auch wenn Drogendealer ihre Strafe verdienen, das was der Holländer da erzählt hat, lässt Thailand in einem völlig anderem Licht erscheinen. Ich hoffe für ihn, dass er sein Leben wieder in den Griff bekommt. Auf jeden Fall zeigt uns diese Geschichte wie gefährlich es sein kann ein Visum zu überziehen. Der eigentliche Grund für deine heutige Abwesenheit war ja Ajacis Impfpass. Hast du einen Arzt gefunden der uns die europäische Tollwutimpfung bestätigt, sodass wir, ohne Schwierigkeiten zu bekommen, mit ihm nach Thailand einreisen können?“ „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe tatsächliche eine Tierärztin aufgetrieben, die mit der ganzen Sache etwas lockerer umgeht. Ich hatte ihr von unserer Reise erzählt, worauf sie Ajaci untersuchte. Auch der Impfausweis sei völlig in Ordnung, sagte sie, worauf sie uns das nötige Ausreisedokument abstempelte und unterzeichnete.“ „Super! Du bist eine Heldin. Wie du das nur wieder hingebracht hast. Dann werden wir unsere Sachen packen und zeitnah aufbrechen“, freue ich mich. „Angkor Wat wir kommen!“, ruft Tanja lachend...

Wer mehr über unsere Abenteuer erfahren möchte, findet unsere Bücher unter diesem Link.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen Gesat GmbH: www.gesat.com und roda computer GmbH http://roda-computer.com/ Das Sattelitentelefon Explorer 300 von Gesat und das rugged Notebook Pegasus RP9 von Roda sind die Stützsäulen der Übertragung.


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Datum:
06.06.2017 bis 09.06.2017

Tag: 707 - 710

Land:
Kambodscha

Ort:
Phnom Penh

Breitengrad N:
11°34’03.4’’

Längengrad E:
104°55’52.1’’

Gesamtkilometer:
23.937 km

Maximale Höhe:
10 m

Gesamthöhenmeter:
71.177 m

Sonnenaufgang:
05:35 Uhr

Sonnenuntergang:
18:22 Uhr

Temperatur Tag max:
35°C